2. Kapitel

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2. Kapitel

„Ja, ja, Efendi, die Christen haben es nicht anders verdient, ihre Priester sind geflohen oder sie wurden inhaftiert! Wo sich Bischof Daniele Comboni versteckt hat, weiß niemand.“

Der dicke Wirt unseres Gasthofes wischte mit einem Lumpen über den fettigen Schanktisch. Er schnaufte nach jedem Satz hörbar.

„Daniele Comboni?“, horchte ich auf.

„Ja, ja, Efendi, sie haben es nicht anders verdient, sie haben es nicht anders verdient …“

Es war düster im Schankraum des Gasthofes und die Luft sti­ckig; es roch nach Tabak. Trotzdem flogen Stechmücken umher; eine war in mein Glas gefallen und versuchte mühsam, sich aus der klebrigen und schwach schäumenden Flüssigkeit zu befreien. Ich fischte sie heraus und ließ danach meinen Blick über die wenigen Gäste schweifen, die im Schankraum saßen.

Ich dachte an Kleopatra. Sie war wie eine Fata Morgana in mein Leben getreten. Nachdem sie mich um Hilfe gebeten hatte, hatten Naaman und ich das Haus von Kaikun verlassen. Mein Entschluss stand fest: Ich würde heute Nacht zurückkehren, um Kleopatra zu befreien.

„In der Stadt ist die Cholera ausgebrochen!“, teilte der Wirt mit und polierte mit seinem Lumpen ein Kaffeeglas. „Die Chris­ten haben die Cholera in die Stadt gebracht.“

Das Gesicht des fetten Mannes glänzte vor Schweiß. Ich fühlte mich angewidert. Er wandte sich den anderen Gästen zu.

Naaman trat in den Schankraum.

„Konntest du ein Boot auftreiben?“, fragte ich ihn.

„Ja, es liegt bereit. Willst du wirklich dein Leben riskieren für diese Frau? Lass uns lieber von hier verschwinden. Kaikun Bey hat so seine eigene Art. Wenn ihm ein Kerl einen Streich spielt, dann ist er nicht mehr lang mit ihm auf derselben Welt.“

„Du kennst Kaikun Bey wohl gut? Hast du mit ihm Geschäfte gemacht?“

„Geschäfte? Welche Geschäfte meinst du?“

„Sklavenhandel.“

„Der Teufel soll mich holen, wenn ich mit diesem Hurensohn Geschäfte mache. Nein, nein, ich steh auf der Seite des Khediven von Ägypten. Mein Stamm, die Messiria-Baggara, hielt immer zu den Khediven.“

„Aber du hast doch an den Raubzügen der Schilluk teilge­nommen.“

„Ja, klar, sonst hätten sie mich sofort umgebracht. Und was meinst du, wo du jetzt wärst, hätt‘ ich dich nicht aus den Händen der Schilluk befreit?“

Und während er diese Worte hervorstieß, schlug er mit der Faust auf den Schanktisch, sodass der dicke Wirt verunsichert herbeieilte und nach seinem Wunsch fragte.


Wir stießen den Kahn vom Ufer ab. Die Schatten der Bäume und Sträucher am Ufer legten sich sanft auf das Wasser. Wir ließen das Boot von den Wellen treiben. Nur ab und zu korrigierten Naaman und ich mit den Paddeln die Richtung.

Ich ließ mich eine Strecke oberhalb der hohen Mauer an Land setzen, legte mein Gewand ab und schritt am Ufer entlang zum Gebäude, dessen Umrisse sich bald aus ihrer grauen Umgebung hervorhoben.

Als ich am Kanal stand, lotete ich mit der Eisenstange, die ich in unserem Gasthof besorgt hatte, die Tiefe des Wassers aus und stieg hinein. Das Wasser reichte mir kaum an den Mund. Schlamm hatte sich auf dem Grund des Kanals abgesetzt, der mir das Vorwärtskommen erschwerte.

Ich bückte mich durch die Mündung des Kanals, es wurde dunkel, das Plätschern des Wassers brach sich laut an den Wänden. Ich begann meine Schritte zu zählen. Als der Tunnel komplett mit Wasser gefüllt war, holte ich tief Luft und tauchte ab. Nach meiner Berechnung musste ich mich unter dem kleinen Hof mit dem Wasserbecken befinden. Ich schob mich, halb schwimmend, mit der Eisenstange halb stakend, so schnell wie möglich vorwärts.

Eine beachtliche Strecke hatte ich bereits zurückgelegt, meine Lunge fühlte sich schon an, als stünde sie kurz vor dem Platzen, als ich mit der Hand an ein Hindernis stieß. Es war ein aus massiven Holzstäben zusammengesetztes Gitterwerk, das ver­mutlich angebracht worden war, um Eindringlinge wie mich abzuhalten. Hatte ich noch genügend Luft, um zurückzuschwim­men? Ich rüttelte an dem Holzgitter. Es war fest verankert. Schlagartig wurde mir bewusst: Mir ging die Luft aus!

Ich versuchte die Holzstäbe mit der Eisenstange zu brechen. Ich fand allerdings keinen festen Punkt, mit dessen Hilfe ich die Eisenstange als Hebel einsetzen konnte. Zu meiner Schande glitt mir die Stange auch noch aus der Hand. Mit aller Gewalt stemmte ich mich gegen das Gitter ─ vergebens. Es war zu tief in die Mauer eingefügt. Verzweifelt fasste ich den mittleren Stab und zog ihn mit angestemmten Füßen an mich ─ er gab nach. Ein zweiter Ruck und er ging in Stücke ─ die anderen Stäbe brachen auch. Jetzt war die Öffnung groß genug: Ich konnte hindurch­schlüpfen. Mir wurde schwarz vor Augen. Der Druck auf meine Lunge war unerträglich. Ich schwamm blindlings nach oben ─ schwamm ich überhaupt nach oben? Ein Moment der Panik, dann war ich plötzlich mit dem Kopf über Wasser und rang nach Luft. Ich stand im Wasserbecken. Niemand befand sich in dem kleinen Hof. Durch die Anstrengung und Anspan­nung zitterte ich am ganzen Körper. Ich versuchte mich zu beruhigen und stieg aus dem Wasser. Sie erwartete mich bereits.

„As salâmu aleikum! ─ Friede sei mit dir!“, hauchte Kleopatra. „Ich wusste, dass du kommen würdest.“

Wir hörten Schritte. Kleopatra zog mich hinter einen Vorhang. Eine Sekunde später und Kaikun, der durch die geöffnete Tür kam, hätte uns gesehen. Erhobenen Hauptes ging er an uns vorbei und verließ den Hof.

Erst jetzt fand ich Zeit, Kleopatra zu betrachten. Ich entsinne mich ihrer, als ob es gestern gewesen wäre, wie sie vor mir stand, das Schwert in der Hand. Langbogen und Pfeilköcher hatte sie sich auf den Rücken geschnallt. Im messingbeschlagenen Gürtel sah ich ein Messer. Brust, Schultern und Oberarme waren durch Platten und Schienen geschützt. Auf der Stirn trug sie die ägypti­sche Uräusschlange.

„Ich bin bereit“, sagte sie mit leiser Stimme und blickte mich voller Vertrauen an.

„Gut“, antwortete ich widerspruchslos und wandte mich ab, obwohl ich sie gerne noch eine Weile betrachtet hätte.

Wir stiegen in das Wasserbecken und ich schwamm voraus. Eine kleine Schrecksekunde gab es, als sich ihr Pfeilköcher in den zerbrochenen Gitterstäben verfing. Ich schwamm zurück, doch Kleopatra konnte sich mühelos selbst befreien. Endlich tauchten wir im Tunnel auf. Noch bevor wir aus dem Kanal stiegen, hörten wir einen Schrei hinter uns. Man hatte unser Boot entdeckt.

Ich warf einen Blick über meine Schulter zurück, und da schlug mir das Herz bis zum Hals. Eine Gestalt tauchte nämlich aus der Richtung des Hauses auf. Es war einer von Kaikuns Leib­wächtern, der geradewegs auf unser Boot zustürmte. Gleichzeitig fiel ein Schuss. Ich kletterte aus dem Kanal und im nächsten Augenblick stand ich dem Leibwächter gegenüber. Durch den Schlamm, der an meinen Füßen klebte, glitt ich im weichen Sand aus und konnte nur noch zusehen, wie Kleopatra den Kerl ansprang und ihn zu Boden riss. Der Leibwächter grunzte, Kleopatra holte mit ihrem Schwert aus und traf ihn mit dem Heft an der Schläfe. Der Kerl sackte zusammen.

Ich raffte mich auf und wir eilten zum Boot, das Naaman bereits ins Wasser gestoßen hatte. Wir sprangen hinein und kaum hatten wir die Riemen in die Dollen gelegt, als zwei weitere Männer angerannt kamen. Der Schuss hatte sie alarmiert. Einer von ihnen riss sein Gewehr an die Schulter und feuerte uns eine Kugel nach, die an meinem Kopf vorüberpfiff. Die Strömung des Nil erfasste unser Boot schnell. Nach einigen Ruderschlägen spähte ich zurück. Die beiden waren vom Ufer verschwunden.