Octavians psychologisches Profil

image-8678354-05_Octavian.jpg
Octavian
„Augustus Bevilacqua“-Büste, Münchner Glyptothek
Octavian, der Grossneffe Julius Cäsars, war der Erbe des Vermögens. Doch er hatte auch Cäsars politische Ambitionen geerbt und suchte die Römische Republik in eine Diktatur zu verwandeln. Der Diktator wollte er selbst sein.

«Er wollte die Alleinherrschaft, er wollte alle Ehren und Positionen, auf die er Anrecht hatte.»

Doch ein Mann stand ihm im Weg. Ein Mann, dessen Ehrgeiz ebenfalls auf die römische Alleinherrschaft zielte – Marcus Antonius! Nach Cäsars Tod kontrollierte Octavian das westliche römische Reich, während Marcus Antonius den Osten befehligte. Doch Marcus Antonius fehlte Geld, um seinen Traum zu verwirklichen und so begann er, wie Cäsar vor ihm, ein Verhältnis mit Kleopatra. Octavian kämpfte mit anderen Waffen. Er führte eine bösartige Schmutzkampagne gegen seinen Rivalen.

«Er benutzte Marcus Antonius’ Beziehung zu Kleopatra, um sein Ansehen zu verunglimpfen. Er stellte ihn als Pantoffelheld der ägyptischen Hure dar.»

«Octavian wagt es nicht, seinen Rivalen anzugreifen, also greift er Kleopatra an. Er dichtet ihr alles an, was in Rom verhasst ist. Nur durch Sex verführe sie diese armen Männer, sie sei eine Mörderin und eine Prostituierte.»

Die Konfrontation endet in einem Krieg, in dem es eigentlich um das Römische Reich geht. Kleopatra ist nur eine Schachfigur, die Octavian in seinem Spiel benutzt.

«Octavian erklärt nur Kleopatra den Krieg. So erscheint der Krieg nur als Auseinandersetzung mit einer fremden Königin und nicht als Krieg gegen einen anderen römischen General.“

Octavians Sieg ist für seine Gegner vernichtend. Als er Ägypten erobert hat, begeht Marcus Antonius Selbstmord. Kleopatra wird zu einer Gefangenen.

Pat Browns Profil des Siegers gewinnt langsam Kontur. «Er ist ein brillanter Schachspieler. Er versucht sie Schritt für Schritt zu vernichten. Und während der letzten Tage Kleopatras ist er in Alexandria. Das Mausoleum ist unter seiner Kontrolle. Jetzt hat er die Dinge in der Hand. Was er will, das wird geschehen.»

Die alten Quellen berichten jedoch, dass Octavian Kleopatra lebend ergreifen wollte. Dort steht: Er wollte sie demütigen und beim Triumpfzug durch die Strassen Roms vorführen.

Pat Brown hat also ein Problem bezüglich des Motivs. Sie reist nach Rom, um sich intensiver mit Octavians Charakter zu beschäftigen. Nach seinem Sieg über Kleopatra wurde Octavian zum ersten Kaiser der neuen Zeit in Rom gekrönt. Er nannte sich fortan nach dem Monat seines Sieges: Augustus. Er machte aus Rom eine prächtige Stadt, vergrösserte die Macht und den Reichtum des Römischen Reiches. Pat Brown macht sich in Rom auf die Suche nach den Spuren Octavians. Sie bittet die klassische Archäologin Lorie Anduschet ihr das Forum Romanum zu zeigen. Hier liess Octavian einen grossartigen Tempel errichten, den er seinem Schutzgott Mars, dem Gott des Krieges, weihte.

«Wir steigen die Stufen des Marstempels empor. Er wurde von Augustus dem Mars Ultor, also Mars dem Rächer, gewidmet. Damit folgt er der Tradition, sich dem Volk als Verwandter der mächtigen Götter darzustellen. Gleich nach seiner Ankunft in Rom liess Octavian Spiele veranstalten. Was geschah? Als die Spiele begannen, erschien ein Komet am Himmel. Octavian deutete diesen Kometen als Cäsar, der als Gott angesehen wurde. Von da an bezeichnete er sich als Divi Filius, den Sohn der Götter. Ein glücklicher Zufall: Er schuf sein Image ähnlich wie er vorher Kleopatras Bild für die Öffentlichkeit geschaffen hatte. Er ernannte sich zum Retter Roms. Wenn Mark Anton gesiegt hätte, hätten wir mit Sicherheit ein völlig anderes Bild von ihm.»

So wie Octavian sein öffentliches Bild manipuliert hat, könnte er natürlich auch eine falsche Meldung über Kleopatras Tod lanciert haben.

«Octavian ist ein Meister der Propaganda. Zur Zeit der Geschichte mit Kleopatra ist er gerade erst am Anfang seiner Karriere. Er hatte also die Zeit, die Macht und die Intelligenz, eine ganze Welt von Propagandamythen zu entwerfen.»

Das beweisen nicht zuletzt Octavians Memoiren. Sein grandioses Selbstporträt mit dem Titel «Die Taten des göttlichen Augustus» könnte sogar Plutarch und Cassius Dio beeinflusst haben.

«Einiges weist darauf hin, dass sie tatsächlich den Memoiren des Augustus folgen. Unter Umständen stellen sie also Augustus‘ Sicht der Dinge dar, so wie er Kleopatras Selbstmord kolportiert sehen wollte.»

Wenn das stimmt, könnte auch sein überlieferter Wunsch, sie lebend nach Rom bringen zu wollen, nichts anderes als ein weiterer Propagandatrick sein.

«Wenn man die Zusammenhänge betrachtet, zeigt sich, es gab für Octavian weitaus mehr Gründe, Kleopatras Tod zu wünschen, als sie durch die Strassen Roms zu führen. Der beste Feind ist ein toter Feind, und wer weiss, was nach dem Triumpfzug in Rom mit einer lebenden Kleopatra geschehen wäre. Octavian hat sich das sicher gut überlegt und dann gesagt: Das ist es nicht wert.»

Octavian hatte auch die Gelegenheit: Kleopatra war seine Gefangene, und er hatte die Fähigkeit. Er konnte die Berichte beeinflussen. Doch hatte er auch ein Motiv für einen kaltblütigen Mord?

«Jeder hat einen Grund zum Töten, man macht es nur nicht. Auch ein sogenanntes Verbrechen ohne Motiv ist nicht motivlos. Wir verstehen es nur nicht.»

Pat Brown konnte die These von Kleopatras Selbstmord durch einen Schlangenbiss überzeugend widerlegen. Auch einen Selbstmord durch Gift konnte sie weitgehend ausschliessen. Sie ist davon überzeugt, dass Kleopatra ermordet wurde. Schritt für Schritt zieht sie das Netz um den möglichen Mörder enger – Octavian. Sie braucht nur noch ein schlüssiges Motiv, um ihn zu überführen.

Sie verabredet sich mit einem Professor am Tempel von Dendera.

«Links sieht man Kleopatra mit der Krone des oberen und unteren Ägyptens. Beachten Sie ihre Haltung. Sie ist voller Zuversicht. In diesem wunderbaren Relief bringt Kleopatra der Göttin der Liebe und der Musik, Hathor, Opfer dar. Sehen Sie, was sie in der rechten und linken Hand hält. Sie übergibt der Göttin Hathor diese beiden Präsente. Vor ihr steht ihr Sohn Cäsarion. Auch er trägt die Krone des oberen und unteren Ägyptens.»

Cäsarion ist auf dem Bild nicht einfach ihr Sohn: Er ist ihr gleich, ihr Mitregent, das ist ein wichtiges Indiz.

«Kleopatra zeigt der Göttin den künftigen König. Sie will damit sagen: Er ist fähig, die ganze Welt zu beherrschen.»

Pat Brown hat ein mögliches Motiv gefunden – Cäsarion. Er stellt eine wirkliche Gefahr für Octavian dar. Cäsarion ist der leibliche Sohn Julius Cäsars. Er hätte also legitime Ansprüche auf die römische Herrschaft. Pat Brown ist sich sicher: Octavian hätte nichts aufhalten können, Cäsarion und Kleopatra zu vernichten.

«Beim Betrachten dieses Bildes wurde mir klar, warum Kleopatra eine solche Gefahr war. Diese Frau hätte er nicht kaufen können, sie hätte nicht nachgegeben. Diese Frau sah sich und ihren Sohn als Herrscher über ein riesiges Reich. Sie wäre immer ein Dorn in Octavians Herzen gewesen. Cäsarions Schicksal ist eine logische Folge.»

Wenige Tage vor Octavians Ankunft in Alexandria schickt Kleopatra ihren 14 Jahre alten Sohn nach Süden, Richtung Äthiopien. Doch gleich nach Kleopatras Tod lässt Octavian ihn verfolgen und töten.

«Interessanterweise gehen unsere Quellen sehr schnell über diesen Mord von Cäsarion hinweg. Das scheint kein wichtiges Thema zu sein, und das ist sicher wieder mit der Propaganda des Augustus zu erklären. Er wusste, wie man Geschichte im Nachhinein korrigiert.»

Auf Basis der vielen einzelnen Indizien lässt sich ein plausibler Ablauf der Tat rekonstruieren. Das ist nicht die Version der Historiker, sondern die der erfahrenen Kriminalistin: Kleopatra, die letzte Pharaonin Ägyptens, ist in ihrem Grab gefangen. Die Stadt Alexandria von feindlichen Truppen besetzt. Ihr Sohn ist bereits tot.

«Octavian steht vor einer schwierigen Entscheidung: Er kann sie am Leben lassen und dann seinen Triumpf auskosten oder er kann sie töten und damit eine ständige Gefahr ein für allemal auslöschen. Denn darum ging es ihm. Deshalb hat er sich für Kleopatras Mord entschieden und gegen den Triumpf in Rom. Seine Männer erledigen die Drecksarbeit für ihn. Octavian hat die Macht, alles zu vertuschen und es wie Selbstmord aussehen zu lassen. Er wollte Kleopatra ermorden, aber er wollte nicht mit dem Mord in Verbindung gebracht werden. Also erfand er eine Geschichte, um sich aus der Sache rauszuhalten. Er sagte einfach: Ich war nicht dabei. Das war die beste Ausrede. Kleopatras Tod liegt jetzt 2000 Jahre zurück, doch ich bin mir sicher: es war Mord, und wir haben den Mörder gefunden.»

Kleopatra war 39 Jahre alt als sie starb. Sie war die letzte Pharaonin einer grossen Kultur. Mit ihr ging nach 3000 Jahren das ägyptische Reich unter. Octavian war es nach ihrem Tod gelungen, Ägypten dem Römischen Reich einzuverleiben. Doch vielleicht hat die geschlagene Königin ja doch die letzte Schlacht gewonnen. Denn ironischerweise wurde erst durch Octavians Propaganda ihr Mythos geboren. Ihr aussergewöhnliches Leben und ihr tragischer Tod haben die grössten Künstler inspiriert. Doch stellen wir uns mal vor, Kleopatra hätte überlebt. Wie wäre die Weltgeschichte wohl dann verlaufen?