Kriminalprofilerin Pat Brown

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Marmorbüste von Kleopatra VII. (entstanden 40-30 v. Chr.)
Pat Brown, eine amerikanische Kriminalprofilerin, hält Kleopatra für das Opfer eines 2000 Jahre währenden Vertuschungsmanövers. «Als Expertin für lange zurückliegende Fälle kam mir bei diesem einiges ungewöhnlich vor. Da schien etwas nicht zu stimmen. So wie ihr Tod beschrieben wurde, konnte ich es einfach nicht glauben.»

Nach 2000 Jahren öffnet Pat Brown die Ermittlungsakten wieder und untersucht den Tod des letzten ägyptischen Pharaos mit heutigen Methoden. Seit 10 Jahren arbeitet sie an den bekanntesten Kriminalfällen Amerikas. Im Falle des Washingtoner Heckenschützen gehört sie zum Ermittlungsteam. Jetzt will sie mit ihrer Erfahrung ein 2000 Jahre altes Verbrechen aufklären. «Ich habe schon 20, 30 Jahre alte Fälle bearbeitet. Der ist jetzt eben ein paar tausend Jahre alt, also kein besonders „heisser“ Fall mehr.»

Pat Brown taucht unter in Kleopatras versunkene Stadt und begibt sich auf die Suche nach über 2000 Jahre alten Spuren. Zusammen mit einem internationalen Expertenteam wird sie die Selbstmordtheorie einer ernsthaften Prüfung unterziehen.

Pat Brown beginnt die Untersuchung in der Stadt, von der aus Kleopatra vor über 2000 Jahren Ägypten regiert hat – Alexandria! «Gerade bei alten Fällen ist die Tatortbesichtigung wichtig, sonst weiss man gar nicht wonach man sucht.»

Kleopatra lebte und starb in dieser einstmals prachtvollen Stadt. Ihre berühmten Bauwerke und der Königspalast sind jedoch längst auf den Grund des natürlichen Hafens der heutigen Stadt verschwunden. Die Untersuchung führt Pat Brown zunächst in Alexandrias moderne Bibliothek. Brown trifft sich hier mit Professor Mustafa el-Abbadi, einem der wichtigsten Kenner des antiken Ägyptens und Experten für die Zeit Kleopatras.

Der Professor überrascht Pat Brown mit der Nachricht, dass es keinen einzigen Augenzeugenbericht der damaligen Geschehnisse gibt.
«Was ist denn die erste Quelle, die überhaupt über Kleopatra berichtet?»
«Alle Quellen, auch die antiken, berichten nur aus zweiter Hand.»
«Auch die antiken?»
«Ja, auch die antiken!»

Die wichtigsten Berichte über Kleopatras Tod, die Schriften der römischen Historiker Plutarch und Cassius Dio, wurden erst ein ganzes Jahrhundert später verfasst. Beide stimmen darin überein, dass die Königin an ihrem Todestag in ihrem Mausoleum gefangen gehalten wurde. Plutarch schrieb: «Als man die Türen öffnete, fand man Kleopatra königlich bekleidet auf einem goldenen Diwan liegend.»

Bei genauerer Betrachtung der Texte entdeckt Brown jedoch beträchtliche Unstimmigkeiten: Nach Plutarch hat sich Kleopatra getötet, indem sie selbst versteckt in einem Korb mit Feigen eine giftige Schlange einschmuggelte. Cassius Deo spricht dagegen von einem Krug als Versteck. Doch beide sprechen auch von einer zweiten Möglichkeit, der bisher nie ernsthaft nachgegangen wurde – Gift!

«Ich habe so viele Unstimmigkeiten gefunden, ich könnte mich nicht auf eine Version festlegen.»
«Plutarch war ein Geschichtenerzähler.»
«Heisst das: er nahm sich eine gewisse künstlerische Freiheit in seinen Schriften?»
«Das ist möglich – ja, ganz sicher.»

Dann stösst Pat Brown auf eine Textstelle, die den Fall in ein neues Licht taucht. Plutarch selbst gibt zu, er wisse nicht genau wie Kleopatra gestorben sei. Die Wahrheit kennt niemand. Pat Brown muss erfahren: 2000 Jahre Geschichtsschreibung scheinen auf recht wackligem Fundament zu stehen.

«Wir wissen nicht, was damals am Tatort geschah. Also analysieren wir erst mal, was passiert sein könnte.»

Die eigentliche kriminalistische Untersuchung kann beginnen. Wie kann man nach 2000 Jahren einen Selbstmord oder Mord nachweisen? Pat Brown begibt sich erstmal zum Tatort: ins alte Alexandria. Doch leider liegt das heute unter Wasser. 300 Jahre nach ihrem Tod versank Kleopatras Palast im riesigen Hafen der Stadt. Doch das macht ihn heute zur aussergewöhnlichsten Ausgrabungsstätte Ägyptens. Pat Brown erforscht die Ruinen einer Stadt, die schon seit Jahrhunderten auf dem Meeresboden ruht.

«Es gibt den Tatort nicht mehr, aber man bekommt eine Art Vision des Tatortes oder zumindest ein Gefühl für ihn. Das passiert mir häufig bei meiner Arbeit. Wenn ich einen Fall übernehme, ist er eben nicht mehr heiss.»

Irgendwo hier unten liegen die Ruinen des königlichen Palastes und das Mausoleum, in dem Kleopatra starb. Doch viel ist nicht mehr da von der antiken Stadt. Das Mausoleum zum Beispiel wurde nie gefunden. Pat Brown muss sich auf andere Weise ein Bild vom Tatort verschaffen. Sie wendet sich an einen Mann, der das alte Alexandria schon seit 10 Jahren erforscht. Es ist der Unterwasserarchäologe Dr. Jean-Ives Empereur.

«Die Küstenlinie des Kontinents verlief hier, also ganz anders als heute.»

Die heutige Küste hat nicht mehr viel Ähnlichkeit mit dem antiken Alexandria. Empereur vermittelt Brown eine erste Vorstellung von der alten Stadt, ihrer Architektur, ihrer Aufteilung und dem Palastviertel und er kann ihr zeigen, wo Kleopatras Mausoleum lag.

«Und wie weit war es vom Palast zum Mausoleum? Was schätzen Sie?»
«Das wissen wir nicht genau. Aber nicht weit, vielleicht ein paar hundert Meter.»
«Der Palast war also hier, das Mausoleum da. Sie konnte einfach so hin und her gehen?»
«Ja, natürlich.»

Mit Empereurs Hilfe möchte Pat Brown den Ort nachbauen, an dem Kleopatra starb. Dabei soll der alte Plan Alexandrias um archäologische Fakten und die Erkenntnis moderner Tauchforschung erweitert werden. Brown schickt die Daten an ein Team von Spezialisten für Computergrafik. Dort wird aus den Daten ein virtuelles 3-D-Modell des Palastkomplexes einschliesslich Mausoleum entwickelt.

Bis das Modell fertig ist, beschäftigt sich Pat Brown näher mit dem Opfer. In der nächsten Phase der Ermittlung sind ihre ganz speziellen Fähigkeiten gefordert – die Kunst des Profilings.

«Täter handeln aus ihrem Charakter heraus, sie tun was sie für logisch halten.»

Mit Hilfe des Profils versetzt sich Brown in Kleopatras Denken und Empfinden und versucht herauszufinden, ob Kleopatra dem Profil einer Selbstmörderin entspricht.

«Die Menschen begehen Selbstmord, wenn sie das Leben nicht mehr aushalten, wenn sie unerträgliche Schmerzen empfinden oder wenn sie durch den Tod etwas zu gewinnen glauben, was sie anderweitig nicht erlangen können. Die Frage ist: Trifft eine dieser Möglichkeiten auf Kleopatra zu?»