Jesus – ein Mythos?

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Gemälde von Bartolomé Esteban Murillo
Hat Jesus wirklich gelebt? Ist der Bericht vom Leben des Begründers des Christentums nur ein Erzeugnis menschlichen Kummers, menschlicher Einbildungskraft, menschlichen Hoffensein Mythos wie die Mythen um Krischna, Osiris, Attis, Adonis, Dionysos und Mithras?

Eines der bedeutsamsten Unternehmen der neuzeitlichen Geistesgeschichte ist die Bibelkritik. Sie führt zu ständig sich mehrenden Angriffen gegen die Echtheit und Glaubwürdigkeit der Bibel und – in Reaktion dagegen – zu dem Versuch, die geschichtlichen Grundlagen des christlichen Glaubens zu retten; die Auswirkungen dieser Kritik könnten sich eines Tages als ebenso umwälzend erweisen wie das Christentum selbst.

Welche Tatbestände sprechen dafür, dass Jesus tatsächlich gelebt hat? Der früheste nichtchristliche Hinweis findet sich in den Jüdischen Altertümern von Josephus (um 93 n. Chr.): „Um diese Zeit lebte Jesus, ein weiser Mensch, wenn man ihn überhaupt einen Menschen nennen darf. Er war nämlich der Vollbringer ganz unglaublicher Taten und der Lehrer aller Menschen, die mit Freuden die Wahrheit aufnahmen. So zog er viele Juden und auch viele Heiden an sich. Er war der Christus.“

Im Talmud ist Jeshu'a von Nazareth erwähnt; die betreffenden Textstellen sind aber ganz sicher zu jung, um mehr zu sein als ein Widerhall christlichen Denkens.

Die älteste uns bekannte Erwähnung des Namens Christi in der heidnischen Literatur findet sich in einem Brief des jüngeren Plinius an Traian (um 110 n. Chr.), worin er den Kaiser fragt, wie er sich den Christen gegenüber verhalten solle. Fünf Jahre darauf gibt Tacitus eine Schilderung von den Verfolgungen, die die Chrestiani unter Nero zu erleiden haben; nach seiner Darstellung sind sie zu dieser Zeit (64 n. Chr.) bereits im ganzen Reichsgebiet zu finden. Der betreffende Abschnitt ist in Stil, Gedrungenheit und Vorurteilsfähigkeit so typisch Taciteisch, dass kein ernstzunehmender Bibelkritiker seine Echtheit anzweifelt.

Nun beweisen die angeführten Textstellen eher die Existenz von Christen als die von Christus; wenn wir aber Jesus nicht als geschichtliche Persönlichkeit anerkennen, dann sind wir zu der höchst unwahrscheinlichen Hypothese gezwungen, diese Persönlichkeit sei von einer einzigen Generation erfunden worden.