Die Weisen aus dem Morgenland

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um 8 vor Christus




DIE WEISEN AUS DEM MORGENLAND

Antipatros (Caspar)

Alexandros (Melchior)

Aristobulos (Balthasar)



«Um die Heiligen Drei Könige ranken sich viele Legenden, und auch die Bibelforschung hat etliche Erklärungsversuche unternommen – mit Fakten abgesichert ist aber sehr wenig», schreibt die NZZ in einem Artikel 2005.

«An biblischen Quellen gibt nur das Matthäusevangelium Auskunft, alle anderen Evangelien schweigen sich aus. Selbst Matthäus ist wortkarg; er erwähnt weder ihre Anzahl, noch bezeichnet er die Geschenkbringer als Könige. Die Rede ist vielmehr von magoi, was mit Magier, Sterndeuter oder Weise zu übersetzen ist.

Eindeutig ist gemäss der Bibelstelle ihre Herkunft: Die Weisen kamen aus dem Morgenland, also aus dem Osten, und sie brachten dreierlei Gaben mit – Gold, Weihrauch und Myrrhe –, weshalb einige Jahrhunderte später geschlossen wurde, dass es sich um drei Weise gehandelt habe. Auf sehr frühen bildlichen Darstellungen können es aber auch zwei, vier oder sogar acht Weise sein.

Östlich von Palästina lagen damals Assyrien, Persien, Babylonien, alles Länder, in denen zur Zeit um Christi Geburt eine hochgestellte Priesterkaste das Kultwesen beherrschte. Die Hohepriester galten als Weise, waren bewandert in Astronomie, Astrologie und Traumdeutung. Es könnte sich – so lautet eine gängige Meinung – bei den Geschenkbringern um Mitglieder einer solchen Priesterkaste handeln. Die Reise von Persien nach Bethlehem führte die Weisen möglicherweise durch die Syrische Wüste nach Aleppo oder nach Palmyra, von wo sie sich südwärts nach Damaskus wandten und dann entlang dem See Genezareth das Jordantal hinunter bis nach Jericho pilgerten. Insgesamt war dies eine Strecke von 1500 bis 2000 Kilometern, die auf dem Rücken von Kamelen mehrere Monate gedauert haben dürfte. Nachdem ihnen der Stern, der sie zum neugeborenen König der Juden führen sollte, erschienen war bis zu ihrer Ankunft in Palästina muss also sehr viel Zeit vergangen sein.

Weil die Weisen nach dem neugeborenen König der Juden fragten, verursachte ihre Ankunft in Jerusalem bekanntlich grosse Aufregung, und auch König Herodes, gemäss der Bibel damals Herrscher in Judäa, hörte davon und wollte sie sehen. Nachdem er von ihnen den Grund ihrer Reise erfahren hatte, befahl er – immer laut der Heiligen Schrift – in Bethlehem und Umgebung alle Knaben im Alter bis zu zwei Jahren zu töten. Die Weisen aus dem Morgenland erreichten Palästina also erst, als Jesus möglicherweise bereits zweijährig war.

Gemäss der Bibel führte der Stern von Bethlehem die Weisen nach ihrem Besuch bei Herodes zum Stall mit der Krippe, wo sie Jesus huldigten und ihm ihre Geschenke darbrachten. Dann kehrten sie in ihr Land zurück. Über ihren weiteren Lebenslauf schweigt sich die Bibel aus.»

Man möchte meinen, dass dem aufmerksamen Leser genug chronologische Ungereimtheiten zugemutet worden sind. Abgesehen von der historischen Tatsache, dass im Jahr 1 unserer Zeitrechnung Herodes der Grosse bereits seit 4 Jahren tot war, macht es auch keinen Sinn, ihn als Mörder aller Knaben im Alter bis zu zwei Jahren in Bethlehem und Umgebung hinzustellen. Allerdings bin ich der gleichen Meinung wie das Neue Testament, dass Herodes der Grosse ein blutrünstiger Tyrann und Bösewicht war, obwohl er ein kluger Politiker war, der seinem Land wirtschaftlichen Aufschwung brachte. Das eine schliesst das andere eben nicht aus, wie die Geschichte von ähnlichen Beispielen zu berichten weiss.

Die Bibelforschung hat das Neue Testament falsch gedeutet. Wenn der Evangelist Matthäus von den «Weisen aus dem Morgenland» berichtet, dann meint er weder Assyrien noch Persien oder Babylonien. Und wenn der Verfasser des Matthäusevangeliums davon erzählt, dass Herodes der Grosse «in Bethlehem und in dessen ganzem Gebiet alle Knaben von zwei Jahren und darunter umbringen» liess, dann können wir erahnen, wie gross der Hass des Evangelisten auf den judäischen Herrscher war.

In welchem Jahr und aus welchen Ländern kommen also die Weisen, die Gold, Weihrauch und Myrrhe mitbringen? Was suchen sie am Hof von Herodes in Jerusalem? Handelt es sich um eine geheime Zusammenkunft, um sich auszutauschen über ihre Besatzer, die Römer? Planen sie eine Revolte gegen die Römer?

Herodes stirbt im Jahr 4 vor Christus. Eine geheime Zusammenkunft muss also vorher stattgefunden haben. Nach meinen Recherchen findet die Zusammenkunft im Jahr 8 v. Chr. statt. Es sind die drei Söhne Herodes’ des Grossen – Antipatros, Alexandros und Aristobulos –, die sich gegen ihren Vater auflehnen und vermutlich nach Mauretanien zu König Juba II. und Königin Kleopatra Selene reisen. Wenn die jungen Prinzen als im Palast ihres Vaters in Jerusalem aufbrechen und immer in Richtung der untergehenden Sonne reiten, dann kann man in Mauretanien davon sprechen, dass sie aus dem Morgenland kommen, also aus dem Osten. Und wenn Herodes der Grosse seine drei Söhne kurz vor seinem Tod hinrichten lässt, dann kann man davon sprechen, dass er seine «Kinder» umbringen lässt. Allerdings ist Antipatros bereits 41 Jahre, Alexandros 29 Jahre und Aristobulos 28 Jahre alt, als sie erdrosselt werden.

Wenn die Weihnachtsgeschichte aus dem Matthäus-Evangelium mit der Geschichte der Königsfamilie von Mauretanien identisch ist, dann könnte sich das Familiendrama so zugetragen haben:

Die Söhne Herodes’ des Grossen, Antipatros, Alexandros und Aristobulos, lehnen sich gegen ihren Vater auf und reisen nach Mauretanien zu König Juba II. und Königin Kleopatra Selene, um das weitere Vorgehen gegen ihre Besatzer, die Römer, zu besprechen.

Das Königspaar hält sich wohl nicht in ihrem Palast in Caesarea auf, sondern in einem ländlichen Teil ihres Reiches, vielleicht in der Nähe von Tingis, Igilgili, Saldae oder Cirta, als die Kronprinzen aus Judäa auf Juba II. und Kleopatra Selene sowie ihren neugeborenen Sohn Ptolemaeus treffen.

Die Kronprinzen ziehen unverrichteter Dinge wieder ab und in Jerusalem kommt es zu den tragischen Ereignissen.

Matthäus-Evangelium: In einem Traum erhielten sie die Weisung, nicht zu Herodes zurückzukehren. So zogen sie auf einem anderen Weg in ihr Land zurück.