Die Mondsichelmadonna

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Michelangelos Pietá
Um nach einer Halloween-Party schneller wieder Zuhause zu sein, nehmen zwei Freunde die Abkürzung über den Friedhof.

Als sie gerade durch die Gräber stolzieren, hören sie unheimliche Geräusche: «Tack, tack, tack» – immer wieder dasselbe Klopfen. Angsterfüllt entschliessen sich die beiden dennoch, dem Geräusch zu folgen. Schliesslich stossen sie auf einen alten Mann, der die Inschrift eines Grabsteines mit Hammer und Meissel bearbeitet. Erleichtert fragen sie ihn: «Alter, wir kamen fast um vor Angst! Wir dachten schon, Sie wären ein Gespenst. Was machen Sie denn hier, nachts auf dem Friedhof?» Sichtlich genervt antwortet der Alte: «Die haben doch tatsächlich meinen Namen falsch geschrieben!»

Ich muss gestehen, dass es mir ähnlich erging wie den beiden Freunden auf dem Friedhof, als ich von dem Epigramm des Krinagoras erfuhr. Vor mir hatte ich nichts weniger als das letzte Puzzlestück, mit dem das Bild des historischen Jesus sichtbar wurde.

Ein Epigramm des Krinagoras von Mytilene, das auf den Tod von Kleopatra Selene bezogen wird, setzt diesen mit einer Mondfinsternis in Verbindung. Falls es sich dabei nicht nur um eine dichterische Freiheit handelt und Kleopatra Selenes Ableben tatsächlich vor Jubas zweiter Eheschliessung stattfindet, dürfte es sich am ehesten um die am 23. März 5 v. Chr. erfolgte und von Mauretanien aus sichtbare Mondfinsternis gehandelt haben.

Krinagoras von Mytilene (* um 70 v.Chr., † wahrscheinlich nicht vor 11 n.Chr.) ist in seiner Heimatstadt ein einflussreicher Mann. Seine Teilnahme an verschiedenen Gesandtschaften seiner Stadt ist bezeugt: im Jahr 48 oder 47 sowie im Jahr 45 nach Rom, im Jahr 26/25 nach Tarragona in Spanien. Auch in Rom ist Krinagoras hochangesehen; er gehört dem Kreis der Octavia, der Schwester des Augustus.

Nach der Niederlage von Marcus Antonius und Kleopatra VII. in der Schlacht von Actium gegen Octavian (2. September 31 v. Chr.) und ihrem Tod nach dem Einmarsch des Siegers in Ägypten (August 30 v. Chr.) werden Kleopatra Selene und ihre beiden Brüder Alexander Helios und Ptolemaios Philadelphos von Octavian verschont und nach Italien mitgenommen. Beim im August 29 v. Chr. in Rom abgehaltenen Triumphzug des künftigen Kaisers werden zumindest Kleopatra Selene und ihr Zwillingsbruder als Siegestrophäe aufgeführt; möglicherweise muss ihr jüngerer Bruder aber an diesem Spektakel nicht teilnehmen. Anschliessend kommen Kleopatra Selene und ihre Geschwister in die Obhut von Octavians Schwester Octavia, die sie in ihrem Haus zusammen mit den anderen Kindern des Antonius aufzieht.

Als Kleopatra Selene mit 35 Jahren stirbt, ist wohl nicht nur Krinagoras von Mytilene tief erschüttert.

Warum wird in der christlichen Ikonografie ein Marienbildnis als Mondsichelmadonna bezeichnet? Die Mutter Gottes steht auf der Mondsichel; meist hält sie das Jesuskind in ihren Armen. Warum hat Jesus in allen Evangelien eine distanzierte Haltung zu seiner Mutter? Was wusste Michelangelo, als er die römische Pietà schuf? Eines der auffälligsten Merkmale der Statue ist nämlich der Umstand, dass die Madonna zu jung dargestellt ist, um die Mutter eines erwachsenen Sohnes sein zu können.

Wenn meine These stimmt, dass Maria und Kleopatra Selene ein und dieselbe Person ist, dann können all diese Fragen beantwortet werden: Maria und Kleopatra Selene sterben wenige Jahre nach der Geburt ihres Sohnes: am 23. März 5 v. Chr.

Juba II. vermählte sich jedenfalls in zweiter Ehe mit Glaphyra, der Tochter des Königs Archelaos von Kappadokien und Witwe des Alexander, der von seinem eigenen Vater, Herodes dem Grossen, hingerichtet worden war. Diese Ehe könnte Juba bei einem mutmasslichen Aufenthalt im Osten etwa 1 n. Chr. eingegangen sein. Vermutlich wird diese kurzzeitige Eheverbindung geschieden, als Juba um 4 n. Chr. wieder nach Mauretanien zurückkehrt.

Eine zweite Forschergruppe vermutet hingegen, dass Kleopatra Selene erst um 5/6 n. Chr. verschied. Schliesslich gibt es einen dritten, noch späteren Datierungsansatz auf etwa 18 n. Chr. Dieser beruht auf einem 1907 in Ksar in Marokko gemachten Münzfund, zu dem auch Münzen Jubas aus den Jahren 11 bis 17 n. Chr. sowie undatierte Münzen mit Porträts der Köpfe von Juba und Kleopatra Selene gehören. Althistoriker, die etwa 18 n. Chr. als Kleopatra Selenes Todesjahr präferieren, halten es für plausibel, dass sie zur Zeit der Prägung dieser Münzen noch gelebt und Juba die Ehebeziehung zu ihr nach seiner Trennung von Glaphyra und Rückkehr nach Mauretanien wieder aufgenommen habe. Vorher habe Kleopatra Selene während Jubas Aufenthalt im Osten als Regentin von Mauretanien fungiert und dabei eigene Münzen herausgegeben. Gegen ein so spätes Todesdatum spricht unter anderem, dass Juba sich entweder vor seiner Eheschliessung mit Glaphyra von Kleopatra Selene hätte scheiden lassen oder entgegen römischem und hellenistischem Brauch Glaphyra in Bigamie hätte heiraten müssen und dass auf den ersten Münzen Jubas, auf denen auch sein Sohn Ptolemaios erscheint (5 n. Chr.), jegliche mit Kleopatra Selene verbundene Bildsymbolik wie das ägyptische Krokodil fehlt. Die in Ksar entdeckten Münzen könnten auch postume Prägungen sein; ebenso wäre die Emission eigenständiger Münzen durch Kleopatra Selene auch damit erklärbar, dass sie ein autonomes Münzrecht besass.