Die Jungfrauengeburt – eine Metapher?

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Unbefleckte Empfängnis (Mondsichelmadonna von Francisco de Zurbarán)
«Moderne Theologen reden viel von heissen Eisen; nur selten packen sie sie an», schreibt der deutsche Philosoph Christoph Türcke in einem Artikel.

«Frau Ranke-Heinemann scheint zu den Ausnahmen zu gehören; wagte sie doch, eine bestimmte Aussage des christlichen Credo öffentlich in Zweifel zu ziehen. „Empfangen vom Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria“ – das will sie nicht mehr als Faktum verstanden wissen, sondern nur noch als Metapher: „als Versuch einer bildhaften Annäherung an das Geheimnis der Erlösung“. Eine elegante Lösung – all jenen aus der Seele gesprochen, die nicht länger leugnen mögen, dass übernatürliche Zeugung und jungfräuliche Geburt physisch schlicht unmöglich sind und derlei Unmöglichkeiten im Credo nur allzu gern los wären, damit ihnen ihr Glaube möglich bleibe. Doch kommt man so billig davon?»

«Paulus spricht klar aus, wie einer beschaffen sein muss, damit er für die Sünden der Menschheit zu sterben überhaupt in der Lage ist, und was daraus folgt, liegt auf der Hand: Um sündlos zu sein, muss Christus übernatürlicher Sphäre entstammen», schreibt Türcke weiter. «Andrerseits muss er als wahrer Mensch wirklich geboren sein, also eine irdische Mutter haben, die dem Naturprozess mit Haut und Haaren angehört. Es muss also eine Zeugung stattgefunden haben – aber jenseits allen Geschlechtsverkehrs, der als Übertragungsakt menschlicher Keime stets auch Keim künftiger Sünde ist.»

«Ohne das Paradox einer unsexuellen Zeugung wird nichts aus der Menschwerdung Gottes, und es stellt sich heraus: Die übernatürliche Empfängnis und Jungfräulichkeit Mariae ist ebenso Bedingung der Sündlosigkeit Christi wie diese die Bedingung der Heilskraft seines Todes. Wenn das „Gestorben für unsere Sünden“ keine Metapher ist, dann ist die Jungfrauengeburt auch keine, und alle Ausflüchte helfen nichts: Dass sie bloss durch einen Übersetzungsfehler in einem alttestamentlichen Zitat (Jungfrau statt junge Frau) in die Evangelien gerutscht sei, oder dass sie als ein allgemein verbreitetes religionsgeschichtliches Motiv nichts spezifisch Christliches darstelle.»

«Gebt es doch endlich zu», so lautet die Botschaft von Frau Ranke-Heinemann ans kirchliche Lehramt, «dass ihr die Jungfrauengeburt faktisch selber längst als Metapher behandelt.»

«Frau Ranke-Heinemann zerpflückt die absurden Blüten, die der Marienglaube im Laufe der Geschichte getrieben hat, ohne dessen Wurzeln auszugraben», schreibt der Philosoph Türcke weiter. «Das ergibt allenfalls halbe Aufklärung – zu der auch ein feministischer Blick gehört, der am Entscheidenden vorbeisehend (?) zwar genau erkennt, wie viel Partriarchales in der Stilisierung der Jungfrau zum Symbol der Reinheit steckt, aber nicht wahrhaben will, wie wenig die Menschwerdung Christi davon ausgenommen ist. (…) Wo ist die feministische Theologie, die das zugibt? Statt dessen entwirft sie ein neues Marienbild, setzt an die Stelle der unterwürfig-geduldigen Schmerzensreichen die aufbegehrende, kämpferische Frau aus dem Volk und stört sich nicht im geringsten daran, dass das lediglich eine alternative Projektion ist: geboren aus den Wünschen der feministischen Bewegung statt aus der Logik des Dogmas, vielleicht sympathischer als ihr Gegenbild, aber keinen Deut aufgeklärter. Denn über die wirkliche historische Maria wissen wir so gut wie nichts.»

Historische Ereignisse machen den historischen Jesus sichtbar. Was wir wissen: Zwischen 25 und 20 v. Chr. wird Kleopatra Selene von Kaiser Augustus dem zum König von Numidien und Mauretanien erhobenen Juba II. zur Gemahlin gegeben. Wohlgemerkt, Kaiser Augustus ist derselbe Mann (damals noch Octavian), der die Mutter von Kleopatra Selene (Kleopatra VII.) fünf oder zehn Jahre zuvor ermordet hatte.

Für Kleopatra Selene geht das Martyrium aber noch weiter: Zwanzig oder fünfundzwanzig Jahre später verlässt sie ihr Ehemann Juba II., um sich mit Glaphyra, der Tochter von König Archelaos von Kappadokien, zu vermählen.

Kleopatra Selene bleibt nur noch ihr junger Sohn Ptolemaeus, in den sie ihre ganze Hoffnung legt. Wie einst ihre Mutter Kleopatra VII. ist Kleopatra Selene zu allem bereit, denn auch ihre Macht ist bedroht. Sie sucht Schutz in Ägypten und findet ihn bei den Juden in Alexandria, bei den reichen Brüdern Philon und Tiberius Julius Alexander und dessen Söhnen Tiberius Julius Alexander und Marcus Julius Alexander. Durch diese Familien, die soziale Bindungen und Verbindungen zum Priestertum in Judäa, zur Hasmonäer-Dynastie und zu den Juliern in Rom haben, kommt auch Kleopatra Selene und ihr Sohn Ptolemaeus in Kontakt mit diesen.

Ist es den Christus-Anhängern übelzunehmen, wenn sie Juba II. nicht als leiblichen Vater von Ptolemaeus anerkennen?