Die Brüder aus Alexandria

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Jesus, Simon Petrus und Andreas (Gemälde von Michelangelo Merisi da Caravaggio)
Die beiden Brüder stammen aus einer der vornehmsten und reichsten Familien ihrer Zeit. Der Ältere ist ein einflussreicher Philosoph und Theologe und der bekannteste Denker des hellenistischen Judentums. Der Jüngere ist als Alabarch (jüdischer Gemeindevorsteher) zuständig für das Eintreiben von Steuern in Alexandria; er pflegt gute Beziehungen zu Agrippa I. und zu den Römern. Ihre Namen: Philon und Tiberius Iulius Alexander (Vater).

39/40 nehmen beide Brüder an der Gesandtschaft der alexandrinischen Juden zu Kaiser Caligula teil, worüber Philon sich in seiner autobiografischen Schrift Legatio ad Gaium äussert. Zu diesem Zeitpunkt ist er nach eigener Aussage bereits ein älterer Mann.

Philon kann als ein hervorstechendes Beispiel für die Symbiose aus Judentum und Hellenismus im Diasporajudentum des 1. Jahrhunderts gelten: Einerseits ist er in der jüdischen Tradition verwurzelt. Seine Schriften sind primär Auslegung der Tora, wenn auch stark philosophisch durchdrungen. Philon weiss viel vom jüdischen Leben im Tempel, in den Synagogen und in den Häusern zu berichten. Er hat sicherlich Verbindungen zum palästinischen Judentum, die jedoch mangels direkter Zeugnisse nicht zu rekonstruieren sind. Einmal bemerkt Philon jedenfalls beiläufig, dass er den Gottesdienst im Jerusalemer Tempel besucht hat. Der Kirchenvater Hieronymus überliefert, dass Philon priesterlicher Herkunft gewesen sein soll. Sollte das stimmen, wird er vielleicht Kontakte zu den Sadduzäern haben. Denn seine Auslegungen beziehen sich ausschliesslich auf die Tora, andere alttestamentliche Schriften, die Nebiim und Ketubim, nimmt er kaum zur Kenntnis. Interessant ist, dass Philon wohl kaum Hebräisch kann: Zwar führt er in seinen Erklärungen häufig «chaldäische» Etymologien an, aber diese sind meist nicht fundiert. Für die relativ wenigen zutreffenden Etymologien ist anzunehmen, dass Philon Handbücher und Etymologiensammlungen benutzt, die in Ägypten seit dem zweiten Jahrhundert nachweisbar sind.

Andererseits ist Philon auch sehr von der griechischen Bildung geprägt. Er hat – seinem sozialen Status entsprechend – den hellenistischen Bildungsweg durchlaufen, wie seine Diskussionen der enkyklios paideia zeigen. Griechisch spricht er fehlerfrei. Auch seine Schriften enthalten zahlreiche Zitate und Anspielungen aus der griechischen Literatur. Möglicherweise hat er Kontakt zu den griechischen Philosophenschulen in Alexandria. Offenbar nimmt Philon in hohem Mass am kulturellen und sozialen Leben Alexandrias teil. Philon geht zu Gastmählern, besucht regelmässig das Theater und hört Konzerte, schaut sich das Pankration und Pferderennen an. An anderer Stelle meint Philon jedoch, dass die städtischen, alle drei Jahre stattfindenden Sportwettkämpfe Beispiele für Konkurrenz und Ausschweifung seien. Darum solle ein Jude die Teilnahme daran möglichst vermeiden, doch wenn er dazu gedrängt werde, solle er auch nicht absagen.

Die allegorische Methode Philons stammt aus der griechischen Homer-Interpretation. Philon kennt zwei Schriftsinne: zum einen eine Art von Literalsinn und daneben den allegorischen Sinn. Häufig verwendet er beide Auslegungen nebeneinander, bevorzugt aber die philosophische, allegorische Methode.

Den von Mose verfassten Pentateuch (in seiner griechischen Septuaginta-Fassung) stellt Philon seinen Zeitgenossen als die höchste Philosophie vor. Von Mose hätten später alle führenden griechischen Philosophen gelernt. Um die Philosophie des Mose zu erklären, bedient sich Philon der allegorischen Interpretation, die damit nicht nur eine innerjüdisch-erbauliche, sondern auch eine apologetische Funktion erfüllt. Mit der allegorischen Interpretation kann Philon beweisen, dass Mose nicht nur banale Handlungen der Erzväter erzählen wollte, sondern sie in Wirklichkeit als Vorbilder für Tugenden dienen sollen. Adam steht für das Denken (nous), Eva für die Wahrnehmung (aisthesis). Der Garten Eden steht für die höchste Freude, die Schlange für die Begierde. Kain symbolisiere den Sophisten, Abel die Frömmigkeit. Jakob verkörpere die Übung des Asketen, Esau die Dummheit. Die Gestalt des Abraham symbolisiere die Tugend des Lernens, die Lernfähigkeit usw.

Das wesentliche Merkmal von Philons allegorischer Exegese besteht also darin, in den Gestalten und Ereignissen der Schrift ein tertium comparationis zu finden (z. B. die einzelnen Tugenden), das allgemeiner ist als die einzelnen Geschichten und mit dem Ziel der Anwendung auf die Gegenwart bezogen werden kann. «Das ‚Allgemeine‘ zu erkennen, das sich im ‚Besonderen‘ der heiligen Schrift offenbart, ist das systematische Ziel Philons von Alexandria bei seinen Erklärungen des Alten Testaments».

Philon kann allerdings auch darauf bestehen, dass die Vorschriften des Pentateuch nicht nur allegorisch zu deuten seien, sondern tatsächlich befolgt werden müssen. Aufgrund seiner Verantwortung in der alexandrinischen jüdischen Gemeinde ist dieser Aspekt ebenfalls wichtig.

Eine systematische Darstellung der philosophischen Gedanken Philons ist kaum zu erstellen. Er streut die Gedanken vor allem im Laufe seiner Exegesen ein, seine Philosophie ist nicht aus einem Guss und enthält manche Inkonsistenz. Philon wird durch die mittlere Stoa sowie den mittleren Platonismus beeinflusst, wobei er vereinzelt auch Einflüsse durch den Neupythagoräismus zeigt. Anleihen an Aristoteles kommen nur vereinzelt vor, meist äussert er sich kritisch zu ihm. Immer wieder wird deutlich, dass Philon die griechische Philosophie mit der jüdischen Theologie in Einklang zu bringen versucht.

Philon vertritt die völlige Trennung – nicht nur die Unterscheidung – von rein geistiger Welt (kosmos noêtos) und sinnlich wahrnehmbarer Welt (kosmos aisthetos). Die Trennlinie wird von Philon so streng gezogen, dass ihm Gotteserscheinungen im biblischen Sinn unmöglich erscheinen. Da Gleiches nur durch Gleiches erkannt werden könne, sei eine wirkliche Erkenntnis Gottes für den Menschen unmöglich. Das jüdische und christliche Konzept der Selbstoffenbarung Gottes rückt bei Philon in den Hintergrund. Ausgehend von dieser Trennung sucht Philon nach einer Antwort auf die Frage, wie dennoch die Vermittlung zwischen Gott und Welt geschehen kann. Philons Lösung: Wir können zwar nie das Sein selbst, also Gott, wahrnehmen, aber doch seine Kräfte (dynameis). Diese Kräfte sind biblisch auch durch die Gottesnamen theos und kyrios ausgedrückt. Obwohl die Kräfte eigentlich ohne Zahl seien, nennt Philon meistens drei oder auch sechs. Seine Dreizahl der Kräfte Gottes wird bei der Ausformulierung der christlichen Trinitätslehre aufgegriffen. Die Trias besteht bei Philon meistens aus Gottes Güte und Autorität, die beide durch Gottes Logos zusammengehalten werden. Der Logos ist der Aspekt Gottes, der in Beziehung zur geschaffenen Welt steht; manchmal wird er jedoch auch als eigene Hypostase behandelt und bisweilen sogar deuteros theos (zweiter Gott) genannt. Die Kräfte Gottes, mit denen er in der Welt wirkt, identifiziert Philon dann auch mit den Engeln der Bibel sowie mit den daimones der griechischen Philosophie.

In ähnlicher Weise wie Platon schätzt Philon die irdische Stofflichkeit gering. Der menschliche Körper ist auch für ihn das Gefängnis der Seele, der Leichnam, mit dem sich die Seele herumschleppt, das Grab, aus dem sie zu neuem Leben erwachen wird. Diese Vorstellung wird mit der biblischen Sündenlehre verbunden. Die Sünde ist dem Menschen angeboren, und auch der beste Mensch ist nicht frei von Sünde. Das Ziel ist darum – ganz griechisch gedacht – die Befreiung der Seele. Die Befreiung der Seele geschieht jedoch nicht als Wiedervereinigung des partiellen menschlichen Logos mit dem allgemeinen, wie sie die Stoa lehrt, sondern Philon versucht auch in diesem Punkt eine Synthese mit der jüdischen Tradition: Die Befreiung der Seele führt bei ihm nicht zur reunificatio sondern zur Gottesschau. Diese Befreiung vollzieht sich als Entkörperlichung, wodurch die Seele in einen rein geistigen Bereich gelangen kann, in der ihr die Gottesschau möglich wird. Auch der Name Israel wird erklärt als «der, der Gott sieht» (jisra-el). Die Aussage, dass Philon ein Mystiker gewesen sei, ist jedoch kaum haltbar. Zwar geht es Philon darum, Gott zu schauen, doch Philon kennt keine unio mystica, weil Gott für ihn sozusagen «der ganz Andere» ist, mit dem die menschliche Seele nicht vereinigt werden kann. Eine reunificatio des menschlichen Logos mit dem allgemeinen Logos ist für Philon nicht möglich.

Wie also gelangt man nach Philon zur Gottesschau? Der rechte Weg zu Gott führt über das tugendhafte Leben, über die Ethik. Jüdischerseits kann man hier an die Erfüllung des mosaischen Gesetzes denken, doch Philon betont auch – gemäss dem stoischen Apathie-Ideal – die Auslöschung von Begierde und Leidenschaft als das höchste Ziel. Wie die Stoiker fordert er die Freiheit von Gefühlen und ein einfaches Leben, verbunden mit dem Ideal einer «allgemeinen Menschenliebe». Allerdings kann es der Mensch nicht aus eigener Kraft schaffen, tugendhaft zu leben. Gott legt die Tugenden in die Seele eines Menschen, und wer sich Gott ganz hingibt, könne die Vollkommenheit erreichen. Diese Gottesschau ist nach Philon tatsächlich auch im irdischen Leben möglich.

Über Philons Einstellung zu Frauen im privaten Leben ist nicht viel bekannt, jedoch ist anzunehmen, dass er eher zu konservativ-patriarchalen Einstellungen neigt. Im philosophischen Kontext ist für Philon «das Weibliche» Symbol für das Irdisch-Leibliche, das es zu überwinden gilt. Im Hintergrund der Wahrnehmung von Frauen steht ein tiefsitzendes Bluttabu, das vermutlich aus alttestamentlichen Reinheitsvorschriften abgeleitet ist. Die Begierden, die der Weise auf seinem Weg zur Gottesschau zu überwinden hat, sind für Philon «weiblich», der Weg zur Erlösung ist deshalb auch ein Prozess der «Vermännlichung». Die ideale Frau ist bei Philon die Jungfrau, womit er Frauen vor und nach der Regelblutung meint. Die Jungfrau, die nicht durch die Blutung befleckt ist und auch keinen Geschlechtsverkehr mit einem menschlichen Mann hat, ist in Philons Denken das Ideal der «vermännlichten» Frau. In seiner Bibelauslegung deutet er die Patriarchenfrauen (z. B. Sarah, die Frau des Abraham) als Jungfrauen, die ihre Nachkommen nicht durch Geschlechtsverkehr mit ihren Männern, sondern allein von Gott empfingen. Als Jungfrauen können die Patriarchenfrauen dann zur Allegorie für die menschliche Seele werden. Die Seele, die sich von allen irdisch-leiblichen Begierden freimacht, kann als reine Jungfrau zur Braut des göttlichen Logos werden und von ihm die Tugenden als Frucht der göttlichen Liebe empfangen. Dass es hier nicht nur um Symbolik geht, zeigt Philon in seiner Schrift über die ideale jüdische Gemeinde der «Therapeuten», in der er über deren weibliche Mitglieder vorträgt, dass sie die Freuden des Leibes ablehnen und keine leibliche Nachkommenschaft anstreben. Dafür werden sie von Gott mit dem Weisheit-Logos beschenkt, der die Tugenden als unsterbliche Nachkommen der Seele hervorbringt.

Jüdischerseits verschwindet Philon sehr bald aus dem kulturellen Gedächtnis. Das mag damit zusammenhängen, dass die rabbinischen Autoritäten, die später prägend werden, kaum Interesse am hellenistischen Judentum haben. Selbstverständlich aber auch mit dem abrupten Untergang des hellenistischen Judentums selbst, das heisst mit seiner physischen Vernichtung in den verheerenden Aufständen der ägyptischen Juden in den Jahren 115-117.

Christlicherseits entfaltet Philon dagegen eine grosse Wirkung – seine Schriften sind von der christlichen Kirche überliefert. Clemens von Alexandria nimmt in den Stromateis sehr ausführlich auf ihn Bezug. Eusebius erörtert die Frage nach den Therapeuten in Philons Vita Contemplativa und zitiert aus verlorenen Schriften Philons in der Praeparatio Evangelica. Auch Origenes, Gregor von Nyssa, Ambrosius, Hieronymus und Augustinus haben ihm vieles zu verdanken, besonders die allegorische Bibelauslegung. Philons Logosbegriff kann für die Christologie ausgewertet werden, seine triadische Struktur der Kräfte Gottes für die Trinitätslehre. Durch seine Beliebtheit bei den frühen christlichen Literaten wird Philon quasi zum Kirchenvater honoris causa. Von manchen griechischen Katenenhandschriften wird Philon tatsächlich als Bischof angesehen.

Sowohl Philon als auch sein Bruder Tiberius Iulius Alexander müssen im Jahr 40 n. Chr. mit dem mauretanischen König Ptolemaeus in Rom zusammengetroffen sein. Dass Kaiser Caligula sowohl Ptolemaeus als auch Tiberius Iulius Alexander gefangen nimmt, deutet darauf hin, dass die Fremden aus Mauretanien und Ägypten für ihn gefährlich geworden sind.

Hier stellt sich die Frage: Warum kommt Philon von Alexandria «ungeschoren» davon?

Matthäus-Evangelium: Petrus aber sass draussen im Hof. Da kam eine Magd auf ihn zu und sagte: «Auch du warst bei Jesus, dem Galiläer!» Er leugnete es jedoch vor allen ab mit den Worten: «Ich verstehe nicht, was du sagst.» Als er zur Torhalle weggegangen war, erblickte ihn eine andere Magd und sagte zu den Leuten dort: «Der war auch bei Jesus, dem Nazarener!» Und wieder leugnete er mit einem Schwur: «Ich kenne den Menschen nicht!» Nach einer kleinen Weile traten die Umstehenden an Petrus heran und sagten: «Gewiss, auch du bist einer von ihnen. Schon deine Sprache verrät dich ja.» Da fing er an zu fluchen und zu schwören: «Ich kenne den Menschen nicht.» Alsbald krähte ein Hahn. Und Petrus erinnerte sich des Wortes, das Jesus gesagt hatte: «Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.» Er ging hinaus und weinte bitterlich.