Der Schlangenbiss

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Der Tod von Kleopatra (Gemälde von Jean-André Rixens)
Nach diesem ersten psychologischen Profil Kleopatras ist jetzt auch das 3-D-Modell des Tatortes fertig geworden. Pat Brown wird in eine Welt eintauchen, die seit 1700 Jahren kein Mensch mehr betreten hat.

Das antike Alexandria: Die Stadt Kleopatras steigt vom Meeresgrund auf! Pat Brown hat endlich eine ziemlich genaue 3-D-Rekonstruktion des königlichen Palastes und des Mausoleums vor sich, in dem Kleopatra ihre letzten Tage verbracht hat.

«Meine Schlussfolgerung, dass Kleopatra kein Selbstmordtyp ist, muss sich nun bewähren.»

Brown versucht die Ereignisse zu rekonstruieren, die zu Kleopatras Tod geführt haben.

«Wenn ich einen Tathergang rekonstruiere, versuche ich mir alles genau vorzustellen. Kann es an diesem bestimmten Ort überhaupt so abgelaufen sein?»

Seit 2000 Jahren glaubt man die Geschichte so, wie sie Plutarch 100 Jahre später erzählt hat: Kleopatra ist in ihrem Mausoleum gefangen. Trotzdem gelingt es ihr, eine tödliche Giftschlange einzuschmuggeln. Sie schickt ihrem Bezwinger Octavian, der in ihrem Palast wohnt, einen Abschiedsbrief. Dann schliesst sie sich in ihrem Mausoleum ein. Als Erste lässt Kleopatra sich von der Schlange beissen, danach ihre beiden Kammerdienerinnen. Als die Wachen eindringen, ist Kleopatra bereits tot, die beiden Mädchen liegen im Sterben. Auf ihrem Arm findet man zwei feine Einstiche.

«Es gibt ein paar Dinge, die ins Auge springen, Signalflaggen, wie wir sagen. Man muss sich das mal vorstellen: Drei Frauen wollen sich von einer Schlange beissen lassen und die Dienerinnen sehen ihre Herrin zu Boden sinken und dann greifen sie selbst nach der Schlange. Oh, da ist die Giftschlange! Eigentlich haben die Menschen Angst vor Schlangen.»

Pat Brown fällt ein wichtiges Detail auf, das sie zweifeln lässt. Kleopatras Mausoleum lag ganz in der Nähe ihres Palastes, in dem Octavian sich aufhielt.

«Vom Mausoleum zum Palast waren es höchstens ein paar hundert Meter, ein ganz kurzer Weg.»

Die Wachen brauchten also nur ein paar Minuten bis zum Palast, um Kleopatras Abschiedsbrief zu überbringen und nur wenige weitere Minuten, um zurückzukehren und die Tote zu finden. Pat Brown muss unbedingt wissen, wie lange das Gift einer ägyptischen Kobra braucht, um einen Menschen zu töten.

«Die schnellste Todesfolge, die ich erlebt habe, waren zwei Stunden. Aber ich habe auch schon von kürzeren Zeiträumen gehört. Der Tod könnte bereits nach 15 bis 20 Minuten eingetreten sein. Aber sehr wahrscheinlicher sind ein paar Stunden», erklärt ein Sachverständiger.

Nach den Geschichtsbüchern starben auch die beiden Kammermädchen kurz nach dem Eintreffen der Wachen. Alle drei Opfer hätten also in der kürzest möglichen Zeit versterben müssen.

«Jemand, der so klug wie Kleopatra war, hätte sich bei einem Selbstmord sicher nicht auf Schlangengift verlassen.»

«Interessant, der Tod tritt erst Stunden nach der Einnahme von Schierlingsgift ein, das hätte zu lange gedauert und der Körper wäre dadurch gezeichnet gewesen. Es ergibt keinen Sinn. Die ganze Selbstmordtheorie ist unlogisch.»
«Kleopatras Profil entspricht nicht dem Typ Führer, der Selbstmord begeht, wenn er verliert. Sie kann Niederlagen wegstecken, ohne aufzugeben. Sie ist eine Überlebenskünstlerin. Sie würde sich auch bei einer Niederlage nicht selbst umbringen. Das ergibt keinen Sinn.»

Wenn Kleopatra sich weder durch Schlangen noch durch Gift umgebracht hat, was könnte dann geschehen sein? Für Pat Brown ist die ganze Selbstmordtheorie äusserst unwahrscheinlich geworden. Vor allem ein Umstand bestärkt sie in dieser Richtung: der angebliche Abschiedsbrief! Wenige Minuten vor ihrem Tod soll Kleopatra eine Nachricht geschrieben haben, um Octavian von ihrem Selbstmord in Kenntnis zu setzen.

«Das macht niemand, der wirklich Selbstmord begehen will. Niemand händigt einen Abschiedsbrief an andere Leute aus. Abschiedsbriefe liegen normalerweise neben der Leiche.»

All diese Umstände geben Pat Brown die Gewissheit: Es ist ein Mordfall, in dem sie hier ermittelt.

«Ich bin jetzt an dem Punkt, wo ich nicht mehr an den Selbstmord Kleopatras glaube. Das lässt nur einen Schluss zu: Es war Mord!»

Pat Brown begibt sich auf die Suche nach Kleopatras Mörder.

«Ich suche jemanden, der die Gelegenheit, die Fähigkeit und das Motiv hatte, dieses Verbrechen an Kleopatra zu begehen.»

Auf wen könnten diese drei Bedingungen zutreffen? Für Pat Brown gibt es eigentlich nur einen möglichen Verdächtigen: Kleopatras Bezwinger!

«Nur einer hatte am Tatort die absolute Kontrolle. Ich würde sagen: Octavian macht sich gut als Verdächtiger.»

Octavian ist nun der Hauptverdächtige in Pat Browns Ermittlungen in Sachen Mord. Um herauszufinden, ob er dem Profil eines Mörders entspricht, wird Pat Brown sich in das Bewusstsein des Mannes versetzen, der Ägypten erobert und Kleopatra besiegt hat.